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World of Warcraft und die Internet-Spielsucht

Internet-Spielsucht – darauf stürzen sich jetzt alle. Die Moralapostel – wie kann man nur stundenlang „World of Warcraft“ spielen – wo es doch Wichtigeres und kulturell Anspruchsvolleres gibt, zum Beispiel diese netten Opern von Richy Wagner. Hier kann es sich allerdings auch ziemlich lang hinziehen, bis der Gral endlich gefunden ist.

Die technischen Möglichkeiten, eine immer perfektere virtuelle Welt zu erstellen, wachsen schnell. Manchen mag es verwunderlich erscheinen, dass virtuelle Computerwelten einen Suchtfaktor darstellen können. Oft liegt das Unverständnis gerade bei denen, die noch nie wirklich näher mit Spielen wie „World of Warcraft“ in Berührung gekommen sind. Als Therapeut muss ich ein authentisches, emotional getragenes, tiefes Verständnis für diese Sogwirkung entwickeln können. Ohne dieses emotionale Verständnis lässt sich keine Beziehung aufbauen zu einem Menschen, der unter seiner Computersucht leidet. Wenn ich mit moralisch erhobenen Zeigefinger auf vermeintlich schwachsinnig zappelnde Computer-Monsterfiguren herabblicke, wird mir diese Verbindung nicht gelingen. Eine kulturkritische Abwertung von „World of Warcraft“ in Richtung „Kitsch“ und „Schund“ halte ich zumindest für bedenklich. Wer hier von Primitivkultur spricht, sollte sich die Bilder  von Caspar David Friedrich vor Augen führen und sich Handlung und Dialoge von Wagners „Ring der Nibelungen“ vergegenwärtigen. Mag sein, dass sich Rudolf Steiner im Grab herumdreht, dennoch wage ich zu behaupten, „World of Warcraft“  – das ist Gralssuche in der „Light Version“.

World of Warcraft kann ernsthaften Schaden verursachen, weil es eben nicht ein primitives, sondern ein intelligentes Spiel ist.

Das Chaos der Taxonomie – rettet uns Folksonomy ?

Nachdem ich in Wikipedia (Stichwort Taxonomie) gelesen habe,
dass Jorge Luis Borges das Tierreich so einteilt

– dem Kaiser gehörige,
– einbalsamierte,
– gezähmte,
– Milchschweine,
– Sirenen,
– Fabeltiere,
– streunende Hunde
– […]

habe ich nun gänzlich die Orientierung verloren. Wird uns „Folksonomy“ retten?

Jetzt gucken endlich alle Schweine. – Mit Facebook in die infantile Gesellschaft

„Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein“, so lautet ein sehr erfolgreiches Werk des genialen Zeichners und Autors F. K. Waechter. Waechter hatte ein Ohr für diese fundamentale Klage des modernen Menschen. Schade, dass  C. G. Jung Waechter nicht mehr kennenlernen konnte, sonst hätte er bestimmt die Arche-Klage definiert.

Wir wissen nicht, ob sich Mark Zuckerberg in seinem Psychologiestudium mit diesem emotionalen Defizitgefühl beschäftigt hat. In jedem Fall kann ich aber dem Ruf „Mutti, Mutti, guck ‚mal, was ich kann!“ gewaltige Flügel verleihen. Facebook fragt mich „Was machst du gerade?“ So erschüttert bin ich von dieser einfühlsamen Nachfrage, dass ich vergesse (vergessen will): Hier fragt mich ein kybernetisches System – Denn für meine reale soziale Umwelt gibt es nur einen Sachverhalt, der an Unwichtigkeit nicht mehr zu unterbieten ist: Und das ist die Frage nach dem, was der Autor gerade macht.

Bedient Facebook die Sehnsucht nach Regression? Mit einem zufriedenen Gefühl der Wärme (mehr vom Akku des iPhone als vom Einnässen) machen wir es uns bequem in der infantilen Gesellschaft.

Ist das eigentlich Kritik? Nein, denn die Zoologen waren immer sehr stolz auf ihre Rückzüchtungen.

Facebook löst den Generationenkonflikt

„Facebook for Grown-Ups“ lautet ein Buch des Autors Michael Miller. Da ich schon deutlich über 18 bin, hat mich der Titel natürlich interessiert. Normalerweise haben ja Produkte mit dem Hinweis „für Erwachsene“ eher einen zwielichtigen Inhalt.

Das trifft auf Michael Miller in keiner Weise zu. Pragmatisch und anschaulich werden die Vorteile von Facebook dargestellt. Wer hätte es gedacht – Social Media löst den Generationenkonflikt. Und so stehen dann unsere Postings (Was machst du gerade?) friedlich vereint nebeneinander „habe gerade die Relativitätstheorie widerlegt“; „habe gerade meine Katze gestreichelt“; „habe gerade den ultimativen Gottesbeweis gefunden“; „habe mir gerade bei H&C ein ganz süßes Top angesehen“; „habe gerade Niklas Luhmann verstanden“.

Social Media – Fluch oder Segen?

Wenig vertrauensvoll schauen uns fünf dunkle Gestalten auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung (Samstag 17. März 2012) an. Der Text „… Geheimdienste durchforsten unsere E-Mails“ lässt Schlimmes erahnen. Auf Seite sechs lese ich dann von Bernd Graff die ganze niederschmetternde Wahrheit. Unsere SMS-Nachrichten „werden auf einem amerikanischen Server abgelegt, egal ob der Empfänger sie abruft oder nicht.“ Im „dritten Gebot der Netzsicherheit“ erfährt der entsetzte Leser, dass „digitale Identitäten in sozialen Netzwerken frei erfunden sein können.“

Ich stimme mit dem Autor überein, dass die Nutzung von Social Media Risiken birgt. Leider ist unser Leben aber immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Wenn ich meinen Chef denunziere, hat das unangenehme Folgen und die sind innerhalb und außerhalb von Facebook & Co. recht ähnlich.